Wittenberg

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Wittenberg, die bekannte Hauptstadt des ehemaligen Churkreises im Königreich Sachsen, liegt am rechten Ufer der Elbe, und ist durch das Wirken Luthers und Melanchthons welthistorisch berühmt geworden. Die dortige Universität wurde 1502 durch Friedrich den Weisen gestiftet und durch Luthers und Melanchthons Widerstreben gegen päpstliche Anmaßung in ganz Europa bekannt.

Die Erdwälle, welche Wittenberg umgeben, und vor dem schmalkaldischen Kriege gebaut sind, sind zweimal die Ursache der Zerstörung der Stadt geworden. Schon 1547 wurde sie vor der Schlacht bei Mühlberg von Kaiser Carl V. eingenommen, allein Eigenthum, Gottesdienst und die Gräber der Reformatoren von dem großmüthigen Sieger geschützt. 1637 wurde die Elbbrücke von den Schweden abgebrannt. Im 7jährigen Kriege wurde Wittenberg 1760 vom 10. bis zum 14. Oct. durch die auf den Weinbergen aufgestellte Reichsarmee bombardirt, und der preußische Commandant, Obrist Sakemon, zur Uebergabe genöthigt. Das Schloß und 114 Häuser wurden hierbei ein Raub der Flammen.

Das schwerste Trübsal stand aber der Stadt im J. 1813 bevor. Napoleon bestimmte sie nämlich zur Deckung des wegen der Straße nach Berlin wichtigen Elbüberganges. Er ließ die Verfallnen Werke wieder aufräumen, den ausgetrockneten Graben unter Wasser setzen, einen starken Brückenkopf auf dem linken Elbufer anlegen und die Wälle der Stadt durch Collateralwerke mit dem Elbufer verbinden. Hierauf folgte am 6. April die Abbrennung sämmtlicher Vorstädte, unter denen die coswiger die wichtigste war.

Die Blokade hatte schon Ende März begonnen. Am 16. April ließ der sie befehligende russische General Wittgenstein die abgebrannten Vorstädte mit dem Bajonnet nehmen, am 18. die Stadt aus 27 Geschützen beschießen, hierauf jedoch die Belagerung wieder in eine Blokade verwandeln. Auch diese ward bei dem Rückzug der verbündeten Heere Ende Mais gänzlich aufgehoben.

Gleich nach Wiederausbruch der Feindseligkeiten zeigten sich die leichten Truppen der Verbündeten wieder vor dem Brückenkopf, und in der Mitte Septembers begann das preußische dritte Armeecorps die zweite Belagerung des Platzes. Es eröffnete am 25. Sept. die Parallelen bei dem Luthersbrunnen, beschoß an diesem Tage, am 27. und am 30. die Stadt mit Wurfgeschütz und Congrevischen Raketen und legte viele Gebäude, unter denselben das Schloß, in Asche. Rücksichten auf höhere Zwecke nöthigten indessen den General Bülow, die Belagerung am 4. Oct. aufzuheben.

Am 23. Oct. wurde die Festung zum drittenmale eingeschlossen, und die Belagerung am 28. Dec. von der Brigade des Generals Dobschütz unter Leitung des Generals Tauenzien begonnen. Die erste Parallele wurde an diesem Tage 200 Schritt von dem durch den Gouverneur General la Poype zu einem wichtigen Posten eingerichteten Krankenhause eröffnet, und der Angriff gegen die Schloßfronte gerichtet. Man brachte die folgende Nacht 11 Geschütze und in der Nacht vom 30. zum 31. Dec. 7 Geschütze in die Batterien und beschoß die angegriffene Fronte auf das lebhafteste. Den 31. baute man noch eine Mortierbatterie und ging mittelst einer flüchtigen Sappe, die auch zugleich zur dritten Parallele diente, gegen das Krankenhaus vor. Den 1. Jan. Nachts wurde das Krankenhaus gestürmt und behauptetm die folgende Nacht zum Besten der Belagerer eingerichtet und dann gegen den bedeckten Weg der scharfen Eckbastion vorgegangen, der bedeckte Weg couronnirt und am 11. der Anfang des Brescheschießens gemacht. Da indessen ein sehr kaltes die Arbeiten hinderndes Wetter eintrat, auch Munition und Lebensmittel zu mangeln anfingen, so hatte die Belagerung schwerlich geendet werden können, wenn nicht General Tauenzien, den Frost, welcher die nassen Gräben mit Eis zu decken angefangen hatte, benutzend, die Festung mit Sturm zu nehmen beschlossen hätte. Dieser Sturm wurde in der Nacht vom 12. zum 13. Januar ausgeführt, die Brücken und alle Außenwerke erobert, der Hauptwall auf mehreren Punkten zugleich angegriffen und erstiegen und die Franzosen in das von ihnen befestigte Schloß und Rathhaus zurückgeworfen. General la Poppe hatte sich während der ganzen Belagerung in der bombenfesten Sacristei des Schlosses aufgehalten; er capitulirte jetzt von dort aus, der seltenen Ehre theilhaftig, binnen eines Jahres drei Belagerungen ausgehalten, und selbst nach Einnahme des bedeckten Wegs den Vorschlägen der Verbündeten kein Gehör gegeben zu haben. Zwei Adler, 96 Canonen und 1500 Gefangene fielen den siegenden Preußen in die Hände. Ihr Verlust während der Belagerung betrug 4000, während des Sturms 100 Mann.

Das ganze Schloß und ein großer Theil der Stadt lag nach der Einnahme in Trümmern, alle Vorstädte waren der Erde gleich. Die Gebäude der Universität waren sämmtlich, theils durch preußische Kugeln, theils durch Zerstörungssucht der Franzosen, unbrauchbar geworden, und fast das ganze Personale derselben nach Schmiedeberg geflüchtet. Diese Gründe, und vorzüglich die günstige Lage Wittenbergs als Vormauer von Berlin, welches die Erhaltung und Vermehrung ihrer Festungswerke durchaus nöthig macht, bewogen den König von Preußen, dem nach dem Friedensschlusse die Stadt von Sachsen abgetreten worden, die Universität mit der in Halle zu vereinigen, an ihrer Stelle aber in Wittenberg zum Andenken Luthers ein großes theologisches Seminarium zu errichten.


Quellen und Literatur.

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  • Der Krieg in Deutschland und Frankreich in den Jahren 1813 und 1814. Von Carl v. Plotho. 3.Theil. Berlin bei Carl Friedrich Amelang. 1817.