Reise von Troppau nach Brünn

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Von Reisende.

Christian Ulrich Detlev von Eggers

Brünn, den 16. Jan. 1806.

Noch immer ohne officielle Nachrichten aus dem Kaiserlichen Hoflager habe ich die Reise bis hieher fortgesetzt, um so viel näher zu seyn, wenn ich die erwarteten Briefe erhalte.

Der Weg geht über Olmüz. Es sind 9 Meilen von Troppau; immer sehr gute Chaussee. An allen Orten, wo es nöthig ist, finden Sie Geländer, schwarz und gelb gemahlt, mit den Kaiserlichen Farben.

Troppau ist eine große, ziemlich weit gebauete Stadt von etwa 12000 Menschen. Die Stadt selbst hat 500 Häuser; die Ratiborer Vorstadt eben so viel; die Grazer und Josephs Vorstadt zusammen auf 500 Häuser. Sie ist gut gebauet, hat ein freundliches, reinliches Ansehen. Hier fangen schon die flachen Dächer an; weiterhin werden sie in den Städten immer häufiger. Die Straßen sind zum Theil groß und breit. Der große Platz, der Ring genannt, wird durch Quergebäude in mehrere Ringe getheilt.

Die Stadt ist sehr nahrhaft. Sie treibt einen bedeutenden Handel mit Tuch und Leinewand. Man zählt allein 140 Tuchmacher. Die Tücher gehen nach Ungarn, auch nach Rußland und Italien. Mit dem benachbarten Preußischen Schlesien findet ein ziemlich häufiger Schleichhandel statt; die gewöhnliche Wirkung falsch berechneter Zölle.

Rings um die Stadt sind Mauern. Sie hat drei Thore: das Yachter, das Gräzer, und das neue Thor. Das nicht sehr ansehnliche Fürstlich Lichtensteinsche Schloß hat noch besondere Festungswerke, Graben und Wälle.

Troppau war sonst der Sitz eines besonderen Gouberniums für das Oesterreichische Oberschlesien, nämlich das Fürstenthum Troppau, Jägerndorf, einen Theil von Neiße und Teschen. Jetzt ist es verlegt. Doch wird noch für die immatricultirten adlichen Güter ein besonderes Hypothekenbuch geführt, wie in Oesterreich, Böhmen und Mähren Landtafel genannt, und auch auf gleiche Weise eingerichtet.

Ehedem war hier ein eigens Arbeitshaus. Die Bürger hatten es auf ihre Kosten errichtet; es war sehr nützlich für die Provinz. Man hat aber die Anstalt aufgehoben und mit der in Brünn vereinigt. Das Haus ward verkauft, zum Leidwesen der Einwohner. Mich dünkt, sie hatten Recht. Es ist überhaupt nicht gut, in den Größeren Städten alles vereinigen zu wollen, auf Kosten der Mittleren. Bei solchen Anstalten insonderheit, die sich vorzüglich auf Local-Bedürfnisse beziehen, wird es doppelt wünschenswerth, sie unter der Pflege der sorgsamen Hand zu lassen, die sie gründete. Sie gedeihen besser, wirken wohlthätiger in dem kleineren Kreise, unterstützt durch das nähere Interesse der Augenzeugen des Fortgangs. Jede Aeußerung des Gemeingeistes trägt so viel bei zur Zufriedenheit der Genossen, bringt so heilsame politische Folgen hervor, daß die Regierungen alle Ursache haben, die Gegenstände derselben zu schätzen und zu vermehren.

Die Stadt hat ein recht gutes Theater. Sie besas ein Capital von 30000 Fl., was sie dazu verwandte. Vorzüglich gut sind die Decorationen. Ich sah den ersten Akt des Räuberhauptmanns Rinaldo Rinaldini nicht ohne Interesse, obgleich ich die Stücke in diesem Geschmack an sich nicht liebe. Der Direktor der Gesellschaft gehört zu den ausgezeichneten Schauspielern.

Troppau hat durch den Krieg nicht gelitten; es war vielmehr eine Weile ein lebhafteres Verkehr. Viele adliche Familien und Beamte suchten hier Zuflucht, als die Franzosen in Mähren vordrangen. Allein eben die Lage der Stadt zog auch nachher viele Kranke von den Armeen dahin. Noch jetzt ist hier ein Russisches Hospital. Indeß, Dank sey es der guten Oesterreichischen Polizei -- für die Gesundheit des Orts entstanden daraus keine nachtheilige Folgen.

Seit wir Troppau verließen, folgten wir immer näher den traurigen Spuren des Krieges. Wir kamen durch alle Gegenden, die in der Geschichte der letzten Wochen so merkwürdig wurden.

Der Weg nach Olmüz geht aus dem Yachter Thor, gleich zur Linken von dem Neustädter ab. Vor ferne sieht man Berge, besonders zur Linken. Anfangs ist der Weg eben, nachher wird er bergigt. Die Straße läuft an den Bergen weg; zum Theil in Felsen gehauen. Hie und da sind die Felsen mit Wald bewachsen, mit dem jetzt die Schneestrecken eine schauerliche Schattirung machten. Man kömmt durch Schlakau ¾ M. von Troppau, Hertitz ¾ m., Schönstein 1 M., Leitersdorf 1½ M., Mladezko 1¾ M. Die Mährische Gränze fängt schon vor Schlakau an; aber der Weg läuft nahe an der Gränze, so daß die Gegend zur Rechten zu Schlesien gehört. Mladezko, das unter am Berge liegt, hat hübsche Gärten.

Dorf Teschen, die Poststation, liegt auf dem Berge. Auch bis zur nächsten Station ist das Land immer bergigt. Man kömmt durch Kunzendorf ½ M., Hartau ¾ M., Haidenpiltsch 1 M., Maywald 1½ M. Gleich hinter Dorf Teschen geht es den Berg noch höher hinan; dann herab zwischen Bergen in ein romantisches Thal. Hier fließt der kleine Mora, der etwas unterhalb Troppau in die Oppa fällt. Das hohe Ufer ist zu beiden Seiten mit Wald bewachsen, der über den Schnee hinaus geht. Man sieht viele Strecken von Schnee und Eis. Hinter Haidenpiltsch geht es wieder bergan. Nachher erweitert sich die Gegend. Das Land ist allenthalben stark bevölkert und sehr angebaut.

Von Hof bis Sternberg sind anderthalb Posten oder drei Meilen. Man kömmt durch Prokersdorf ¾ M., das Städtchen Boehre 1 M., Andersdorf 1¼ M., deutsch Lodnitz 1½ M. Der Weg ist immer bergig. In der Ebne ist der Boden überaus fruchtbar; in dem Gebirge nicht so gut. Bei Andersdorf kömmt man über die Pistriz, einen kleinen Fluß, der bei Olmüz in die Morawa fällt. Lodnitz hat eine reizende Lage zwischen Bergen. Der hinterste Berg, der Spitzhübel, ist einer der höchsten in Mähren. Von dort geht es nach Sternberg gähe herab.

Sternberg ist eine sehr nahrhafte Stadt von etwa 600 Häusern und 8000 Menschen. Sie hat an 800 Meister, die in Tuch, Leinen und Canevas arbeiten. Sie finden hier recht hübsche Häuser, einen schönen Marktplatz, breite Straßen, eine schönen Marktplatz, breite Straßen. Die Lage am Fuß des Gebirgs ist sehr angenehm; einige Häuser liegen noch am Abhang des Berges. Luft und Wasser sind angenehm und gesund.

Die Stadt gehört zu den Municipalstädten. Sie haben nicht, wie die Königlichen, Sitz und Stimme auf dem Landtage, sondern stehen unter dem Schutz von Privatgutsbesitzern, denen sie Abgaben entrichten und Dienste leisten. Der Schutzherr von Sternberg ist der Fürst Lichtenstein. Ihm gehört fast das ganze Land von Troppau aus; er kann eine Strecke von vielen Meilen immer auf seinen Gütern reisen, von Jelsberg bis Troppau, und wieder von Troppau nach Böhmen. Fast der sechste Theil von Mähren und Schlesien gehört ihm, ohne noch seine großen Besitzungen in Böhmen und Oesterreich zu rechnen. Bei dem allen hat er nicht so große Gerechtsame, als noch vor wenig Jahren unsere Holsteinischen Gutsbesitzer.

Von Sternberg zieht sich das Gebirge gleich links weg, das Riesengebirge sieht man nicht mehr. Wein wächst hier noch nicht. Das Weingebirg geht erst eine Meile seitwärts von Wischau an. Es giebt sehr guten, weisen Wein. Die Maas kostete gewöhnlich 48 Kreuzer; jetzt ist er gar nicht zu haben.

In den Gebirgen sehen Sie in der ganzen Gegend viele Schlösser. Sie sind nun meistens zu Spitälern für die Russen gebraucht; zum Theil sollen sie sehr mitgenommen seyn. Auch klagt man über das Steigen der Preise, als Folge des Kriegs. Ein Pferd kostet jetzt 150 bis 200 Gulden; eine Kuh 60 bis 70. Sonst waren die Preise viel geringer.

Rechts dehnt sich die Ebne nach Olmüz hin. Hier ist der schwerste Boden in Mähren, besonders jenseits Olmüz um Prosniz. Man nennt diese Strecke die Hanna. Die ganze Länge am rechten Ufer der March bis Kernissiz, wo das kleine Gebirge anfängt, beträgt 8 bis 9 Meilen; die Breite ist ungleich. In dieser Gegend liegt die schöne erzbischöfliche Residenz Kremsier mit treflichen Gärten nahe an der March. Sie ist ungemein fruchtbar. Der Boden trägt das schönste Korn, besonders Weizen, fast ohne Arbeit. Ihre Bewohner, die Hannaken, zeichnen sich durch manche Eigenheiten des Charakters und der Sitten aus. Auch bei ihnen findet man die Zuversichtlichkeit und den Dünkel auf ihren fetten Boden, der unseren Marschbauern eigen ist; nur daß diese viel gebildeter, und freilich auch viel reicher sind.

Nach Olmüz sind noch zwei Meilen. Man kömmt durch Langgoß ½ Meile, Ahlhütten ¾ M., Sternau 1¼ M., Lodeniz 1½ M., Hlussowiz 1¾ M., Temieczel 2¼ M., Chwalkowiz 2½ M., Pawlowiz 2¾ M. Der Weg ist immer eben; nur Rechts sieht man noch fern Berge. Hinter Lodeniz kömmt man über einen kleinen Fluß, und kurz vor Pawlowiz über die March oder Morawa. Dieser Fluß, der größte des Landes, entspringt an dem Nordende auf dem Glazer Grenzgebirge. Er durchströmt das Land der ganzen Breite nach von Mitternacht nach Mittag, anfangs in ziemlich gerader, etwas südöstlicher Richtung nach Olmüz. Dann geht er nach Hradisch, wo er sich südwestlich wendet; bildet große Inseln bei Göding und Holitsch; macht eine Strecke lang die Gränze mit Ungarn, bis zu dem südlichsten Gränzpunkt zwischen Mähren, Oesterreich und Ungarn, wo er die Thaya aufnimmt. Zuletzt fällt er nicht weit von Presburg bei Theben in die Donau. Der Fluß könnte sehr gut Schiffbar werden; er würde dann eine trefliche Wasserverbindung machen zwischen Gallizien, Schlesien, Böhmen, Mähren, Oesterreich und Ungarn. Wirklich ward dem Kaiser ein Plan dazu vorgelegt, womit sich noch eine Hofcommission beschäftigt, nachdem der Flnß vorläufig aufgenommen und vermessen ist.

Man sieht Olmüz nicht weit weg. Vor der Stadt bleibt das Kloster Hradisch liegen. Hier ist jetzt das große Kaiserliche Hospital.

Wir waren die Nacht in Sternberg geblieben. Man beschrieb und den Aufenthalt in Olmüz als so gefährlich, daß wir ihn möglichst beschränken wollten. Indeß sollte doch der Postillon in den Gasthof einfahren, als man gerade zwei Todte heraus trug. Nun machte meine Frau nicht aussteigen und ich machte unsere Reisegeschäfte auf der Straße ab.

Die herrschende Krankheit ist eine hitzige Krankheit am Kopf oder Hals. Sie rafft viele Menschen in wenig Tagen hin. Wenn der Genesene sich nicht sehr in acht nimmt, bekommt er ein Recidiv; dann ist er gleich verloren. Zuerst ergriff die Krankheit die flüchtigen, nothleidenden Soldaten. Nach und nach ward sie ansteckend. Sie ist es jetzt in solchem Grade, daß jeder Gefahr läuft, der sich nur einem Kranken nähert. Man versichert uns, sie herrsche in der ganzen Gegend; doch ist sie in Olmüz am stärksten. Hier sind mehr Menschen zusammengedrängt; auch liegt die Stadt an sich tiefer und minder frei.

Das beste Vorsichtsmittel ist die Häuser mit Essig, oder dem bekannten chemischen Apparat zu räuchern. Damit haben wir uns schon in Troppau reichlich versehen.

In der Stadt selbst ist noch ein großes Spital an der entgegengesetzten Seite von der, woher wir kamen. Die Russischen Spitäler liegen alle seitwärts von der Landstraße. Aus diesen kommen die Hergestellten nachher nach Troppau. Uns begegneten viele von ihnen unterwegs. Sie sahen zum Theil elend aus, schwach, abgefallen, schlecht gekleidet. Welch ein Unterschied zwischen dieser Armee, jetzt, und bei ihrem Einmarsch. Damals war sie treflich equipirt, mit allem reichlich versehen. Die Offiziers hatten auch Geld im Ueberfluß bei sich. Jetzt möchte es wohl nicht so seyn. Nur die Franzosen verstehen es, ihre Armeen durch den Krieg zu bereichern; andere befinden sich auf die Länge selten wohl dabei.


Olmüz, die ursprüngliche Hauptstadt des Landes hat ansehnliche Festungswerke, zum Theil aus Felsen. Die Morawa umfließt einen Theil der Stadt, und macht an dieser Seite den Festungsgraben. Die Stadt hat vier Thore, gegen 1001 Häuser und 16,000 Menschen. Die Vorstädte sind nicht bedeutend. Der große Platz, der Niederring genannt, hat besonders gute Häuser. An dem Fuße des Rathhausthurms ist eine sehr künstliche Uhr angebracht. Unter andern zeigt sie einen immerwährenden Kalender bis zum J. 1849; auch hat sie ein gutes Glockenspiel. Gleich links, wenn man von Troppau kömmt, bleiben die Erzbischöfliche Residenz und die Dohmherren-Häuser liegen. Jetzt giebt es hier mehrere Casernen. Die größte ist das ehemalige Jesuiter-Collegium.

Der wichtigste Gegenstand des Städtischen Verkehrs ist der Leinenhandel. Man rechnet auf den Olmüzer Kreis die Hälfte aller Linnenweber und die Hälfte der verfertigten Leinewand. Auch werden in diesem Kreise viele Rasche und Flanelle verfertigt, und vielleicht ein Drittel aller gestrickten Waaren. Man klagt aber jetzt sehr über den Mangel an Scheidemünze, der den Nahrungsstand sehr drückt.

In Olmüz ist ein Lyceum, die erste gelehrte Bildungsanstalt für Mähren, mit einer ansehnlichen Bibliothek. Auch befindet sich hier ein aus alle Kaiserliche Staaten ausgedehntes Wittwen- und Waisen-Institut, mit bedeutenden Fonds.

Olmüz ist von Brünn 9 Meilen, von Wien 27 entfernt. Die Poststationen sind Prosniz, Wischau anderthalb Posten, Posorziz.

Nach Olmüz kömmt die Vorstadt Neugaß, dann, jenseits des kleinen Blate, Oelschau 1 M., Durschowiz 1¾ M., bald zeigte man uns die Stellen, wo neulich Leichen haufenweise in Gruben geworfen wurden; eine traurige Folge der Krankheiten, die Mangel an Nahrung und Pflege unter einem zerstreuten Heer verbreiten. Nicht selten mag auf einem Rückzuge unter den Verwundeten in eine solche Grube wohl ein Scheintodter kommen, der dann seine letzten Augenblicke in der schrecklichsten aller Qualen aushaucht. Ich kenne keine wehmüthigere Empfindung bei dem Gedanken an das Schicksal des Krieges als diese. Dennoch kann kaum die Menschenfreundlichste Sorgfalt einzelne Fälle ganz abwenden; aber zur Verminderung des Elends läßt sich freilich viel thun.

Der Weg wird bald hügelig. Fast ringsum sieht man Berge liegen, die doch nicht sehr hoch sind. Ueber zwei geht es ziemlich gähe herab, besonders über den letzten vor Proßnitz. Die Aussicht über den Ort von der Höhe herab ist sehr schön.

Proßnitz ist ein sehr nahrhafter Ort; die beste unter den Provinzialstädten. Es hat etwa 600 Häuser und 8000 Menschen unter denen auch viele Juden sind. Die Märkte werden stark besucht.

Der Krieg zog sich bis hieher und noch bis Dirschowitz. Dieser Ort hat sehr gelitten. Wir sahen noch viele Häuser ohne Thüren und Fenster. Mehrere waren ganz von den Bewohnern verlassen, die von der Mildthätigkeit ihrer Mitbürger die nothwendigsten Bedürfnisse erwarteten.

Hinter Proßnitz bleibt der Weg hügelig; doch sind die Höhen nicht beträchtlich. Man kömmt gleich über die Nuiacza, die der March zufließt. Die Oerter sind Zeschov ½ M., Detkowiz 1 M., Predliz 1½ M., Dristiz 2 M. Mehrere kleine Flüsse durchströmen das höchst fruchtbare Land. Der größte ist die Hanna. Man kömmt gleich hinter Predliz darüber; sie fließt bald nachher bei Nemtschiz in die March. Predliz, ein ansehnliches Dorf, liegt sehr angenehm. Rechts führt eine Allee nach dem Schloß.

Wischau ist ein Städtchen von 130 Häusern; die Vorstädte haben 160 Häuser. In dem Schlosse war das Russische Hauptquartier. Die Stadt hat sehr gelitten, wie die Franzosen von den Russen herausgeschlagen wurden.

Von Wischau aus ist der Weg, wie vorhin. Bald hinter der Stadt geht der Weg nach Austerlitz links ab, in einer beinahe geraden Richtung. Bis Rausnitz, einem großen Dorfe, hat man eine starke Meile. Man kömmt durch Noskon ¼ M., dann zu zwei einzelnen Wirthshäusern, jedes liegt ¼ Meile von dem andern.

Posorziz ist einzelnes Posthaus mit einem Wirthshaus auf einer Anhöhe. Das Wirthshaus ist ganz zerschossen. Der Postmeister blieb auf seinem Posten, unter allem Donner des Geschützes. Er ward auch nicht ausgeplündert.

Die Dörfer rund umher sind alle verwüstet; das eine mehr, das andere weniger. Sehr viele Einwohner verloren ihre Habe. Man erzählte uns so mannichfaltige Szenen des Jammers. Mit der Zutraulichkeit, welche das Gefühl des unverschuldeten Unglücks giebt, redete jeder, als ein alter Bekannter. Sie können denken, welchen Eindruck dies besonders auf meine Frau machte. Wir musten uns fast mit Gewalt losreißen, um nicht die Reise zu lange zu verzögern. Doch hatten wir die Trost, schon manche wandernde Familie der verlassenen Heimath wieder zu ziehen zu sehen. Jeder trug etwas von der geretteten, oder wieder geschenkten Habe. Viele machten Gesellschaft mit einander. Zuweilen folgte ihnen ein gemeinschaftlich beladener Wagen; in weiterer Entfernung das Vieh. Der Zug war im ganzen frohgemuth. Einer tröstete den andern, der mehr über seinen Verlust trauerte. War gleich ihre Sprache uns unverständlich, so redete doch ihr Gesicht, ihre Gebehrden deutlich genug. Man sah, wie die Freude der Heimkehr zu dem gewohnten Heerd alles überwog; wie die wohlthätige Hoffnung mit ihren Tröstungen der Zeit zuvoreilte. Was wäre es auch um unser Leben, im Großen und im Kleinen, wenn wir die nicht hätten.

Man sagte uns, die Regierung hätte schon viel gethan, diese Unglücklichen wieder in den Besitz ihres Gewerbs zu setzen. Ihr wohlwollender Sinn läßt nicht daran zweifeln. Aber schwer ist es, die Gabe völlig angemessen zu vertheilen. Die obersten Behörden können nicht in das Detail gehen, was nothwendig dazu erfordert wird. Am besten, man setze nur die allgemeinen Regeln fest, und überlasse die Anwendung den Gemeinen in kleineren und größeren Abtheilungen. Allen Ungleichheiten wird man freilich auch so nicht vorbeugen; aber man thut doch das mögliche. Und mich dünkt, die Erfahrung lehrt, daß die Menschen in einer solchen Stimmung eine gewisse Rechtlichkeit zeigen, auf die man mit einiger Zuversicht bauen kann.

Vor allen Dingen sollte man die Wohnungen vor Eintritt des strengen Winters möglichst in den Stand setzen. Dazu müssen keine Aufopferungen zu groß seyn; die Gesundheit, die ganze künftige Existenz der verunglückten heischt sie. Dann muß man dem kleinen Landmanne ohne Unterschied das Vieh, die Geräthschaften, das Saatkorn wieder geben, dessen er unumgänglich bedarf. Lassen Sie uns immerhin bedeutende Summen darauf verwenden, sie wuchern reichlich. Welcher Vergleich, ob der Staat durch diese, verhältnißmäßig immer geringere Unterstützung, tausende fleißiger Familien in den Stand setzt, ihr nützliches Gewerbe ferner zu betreiben, und die Produktion zu vermehren, oder ob er sie, als Allmosenglieder, ärmlich in Unthätigkeit ernährt.

Vermögendere Landleute, die durch den Krieg zurückkamen, bedürfen nicht unbedingt der Gabe; ihnen ist mit Vorschüssen geholfen, die sie dem Staat in mäßigen Terminen erstatten können, und gerne erstatten. Bei Anwendung der gehörigen Vorsicht kann man auf diese Weise ungemein viel Gutes wirken, sehr viel Elend verhüten. Die ersten Jahre würde ich ihnen selbst die Zinsen erlassen; man muß sie in den Stand setzen, ihren vollen Betrieb zu üben, ohne ihren umlaufenden Fond's zu schwächen. Nachher mögen sie alles nachzahlen, mit den ausgesetzten Zinsen, nach genauer Berechnung. Sie können gerne jährlich 7 und 8 pro Cent von dem vorgeschossenen Capital zurückzahlen, wenn sie erst einmal wieder in vollem Erwerb sind. Angenommen, der gewöhnliche Zinsfuß sey 5 pro Cent, so wird auf diese Weise das ganze Capital in 28 Jahren abgetragen, auf eine unmerkliche Art für den Schuldner, und ohne allen Verlust für die Staatscasse. Ich kann dies aus eigener Erfahrung bezeugen, da unsere Creditcasse, deren Administration ich nun achtzehn Jahre habe, nie irgend einigen Verlust hatte. Gleichwohl hat sie in dieser Zeit, nach gleichen Grundsätzen über eine Million zum besten des Landbaues ausgeliehen; und wahrscheinlich hätten wir ihre Fonds auch zur Unterstützung der Kriegsbeschädigten angewandt, wenn wir in diesem unglücklichen Fall gewesen wären.

Selbst, wenn mehr Politik als Gefühl der Menschlichkeit die Handlungen der Regierung bestimmt, hat sie die größte Ursache, vor allen die Kriegsbeschädigten kräftig zu unterstützen. Eben in dem Augenblick, wo die Lage der Dinge von dem Einzelnen die größte Aufopferung heischt, ist es entscheidend für den Staat, daß sein Muth angefeuert, seine Duldsamkeit gestärkt werde durch die Gewißheit, seinen unverschuldeten Verlust ersetzt zu sehen. Die heilsamen Folgen einer solchen Stimmung lassen sich nicht berechnen. Desto unbegreiflicher scheint es, daß man die Aufmerksamkeit der Regierungen nicht mehr darauf leitet.

Nicht weit von Rausniz, nahe an dem Dorf Slamikowiz zur linken Seite der Straße, hatte Fürst Lichtenstein dem Kaiser Joseph II. ein Denkmal errichtet. Joseph ward durch einen Zufall am Wagen aufgehalten; er stieg aus, und pflügte selbst eine Furche auf dem Acker eines Slawikowizer Bauern, der eben sein Feld bestellte. Auch die Gemeinde setzte dem Ereigniß einen einfachen Denkstein, mit der Inschrift: "Anno 1769 den 19. Augusti haben Ihro K. K. Majestät Joseph II. auf diesem Feld keackert. Zum ewigen Tenkzeichen haben wir Slawikowizer Kemain diesen Stein eingesenkt." Jetzt liegen beide danieder; doch wollen die Landstände das Lichtensteinische Denkmal durch einen Obelisk erneuern.

Von dem Posorzizer Posthause liegt Austerlitz nur eine kleine Meile entfernt. Diese Gegend, an dem linken Ufer der Schwartza bis Meniz herunter ist der Schauplatz der Schlacht vom 2. Dezember; eine Ebene mit mäßigen Anhöhen an den Seiten.

Auf der Chaussee nach Brünn kömmt man zu einem einzelnen Wirthshause ¼ M., dann über zwei mäßige Hügel. Auf dem zweiten steht wieder ein einzelnes Wirthshaus zum Rösl genannt, ½ M.; ein drittes liegt im Thal ¾ M. Hier ungefähr war die Mitte der rechten Flügels der Kaiserlichen. Zur Rechten sieht man auf einer Höhe die Kapelle von Posorziz. Diese hatten die Franzosen verschanzt, und von der andern Seite ganz unzugänglich gemacht. An diesen festen Punkt lehnte sich ihre Schlachtordnung. Von dort rückten sie vor.

Hinter dem dritten Wirthshaus geht es wieder einen Hügel heran, von dem man eine schöne Aussicht auf Brünn hat. Auf diesen Hügeln, die sich in einem halben Zirkel herumziehen, standen die Franzosen vor dem Treffen.

Die Gegend, die man hier übersieht, ist ziemlich weit; viele Dörfer, Schlösser, mäßige Hügel, jenseits Brünn. Bellawiz bleibt größtentheils im Thal liegen, links, eine Meile vor Brünn. Dieser Ort litt auch sehr in der Schlacht. Dann kömmt man über zwei Arme der Zwittawa, durch die Vorstadt Kreena.


Quelle und Literatur.

  • Reise durch Franken, Baiern, Oesterreich, Preußen und Sachsen von E. U. D. Freyherrn von Eggers Oberprocureur der Herzogthümer Schleßwig und Holstein. Ritter von Dannebrog. Leipzig, bei Gerhard Fleischer dem Jüngern. 1810.