Kriegsgefangene

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Kriegsgefangene, Kriegsgesetze.

Durch den ausgebrochenen Krieg werden beide Theile berechtigt, alle Individuen, die zu der feindlichen Nation gehören, als ihre Feinde anzusehen und zu behandeln, welches jedoch der völkerrechtliche Gebrauch civilisirter Nationen auf die Befugniß beschränkt, die feindlichen Individuen auf jede Art außer Stand zu setzen, uns zu schaden. Daher folgt, daß auch das recht, Kriegsgefangene zu machen, so wie das die Feinde zu tödten, nur gegen diejenigen Statt hat, welches Widerstand leisten. Diejenigen aber, die ohne Waffen zu führen, der Armee folgen, sollen der Strenge nach nicht zu Kriegsgefangenen gemacht werden können, so wenig als dieß bei den übrigen Unbewaffneten rechtlich ist, in sofern sich dieselben keine Widersetzlichkeiten zu Schulden kommen lassen. Als Kriegsgefangene sind vielmehr allein anzusehen und zu behandeln, sowol diejenigen, welche die Waffen wegwerfen und sich selbst für Kriegsgefangene erklären, als auch alle die, welche bewaffnet, und durch Wunden entkräftet, nicht ferner sich zu vertheidigen im Stande sind, wo es also eine Barbarei seyn würde, sie zu tödten oder zu verwunden.

In die Klasse derjenigen aber, die zwar der Armee folgen, aber ohne die Waffen zu führen, und die eben deshalb auch nicht als Feinde behandelt, also nicht zu Kriegsgefangenen gemacht werden sollten, gehören vornehmlich Feldprediger, Aerzte, Wundärzte, Marketender, Quartiermeister, Pfeifer und Tambours; jedoch kommt es auf die jedesmaligen besondern Umstände an, in wiefern die genannten Personen in ihrer bürgerlichen Eigenschaft respectirt werden können.

Die Kriegsgesetze erlauben durchaus nicht, Kriegsgefangene zu verletzen; nur ihrer Haabe sich zu bemächtigen, ist dem, der sie gefangen nimmt, gestattet, und bis zu Ende des Krieges, oder bis zu erfolgter Auswechselung sie in Gefangenschaft zu halten.

Kriegsgefangene zu tödten, kann nur mit der seltenen Nothwendigkeit der Repressalien, oder dem noch seltenern Falle, wo die Kriegsraison ein solches Verfahren entschuldigen möchte, gerechtfertigt werden; nur Spione und Freibeuter oder Marodeure, das heißt, solche Soldaten, die einzeln, oder in kleinen Haufen, ohne Befehl ihrer Officiere, sich Gewaltthätigkeiten und Feindseligkeiten gegen die Einwohner erlauben möchten, können auf die Behandlung als Kriegsgefangene keinen Anspruch machen; beide werden vielmehr in der Regel mit dem Tode bestraft.

Eben so, wie es nicht erlaubt ist, Kriegsgefangene zu tödten und zu verwunden, eben so hat auch der völkerrechtliche Gebrauch, die Gewohnheit, Kriegsgefangene zu Sclaven zu machen oder zu transplantiren, längst unter cultivirten Nationen verbannt; höchstens gegen die Türken und Barbaresken hat man sich dieses noch zuweilen als Retorsion erlaubt.

Jede Nation ist in der Regel verpflichtet, die Kriegsgefangenen, die sie gemacht hat, zu unterhalten, doch pflegen nicht selten, zumal bei langwierigen Kriegen, beide Theile übereinzukommen, ihre in der Gewalt des Feindes befindlichen Landsleute selbst unterhalten zu wollen.

Nicht immer werden jedoch die wechselseitig gemachten Kriegsgefangenen von den kriegführenden Mächten bis zu Ende des Krieges gefangen gehalten; häufig werden sie noch während der Dauer desselben entlassen oder ausgewechselt. Die ehemals übliche Sitte, den gefangenen zu gestatten, sich selbst gegen ein zu zahlendes Lösegeld wieder in Freiheit zu setzen, ist in neuern Zeiten außer Gebrauch gekommen. Dagegen aber entläßt man häufig die gefangenen, vorzüglich die Officiere, auf ihr Ehrenwort, nicht eher wieder zu dienen, als bis sie förmlich ausgewechselt worden, und so oft es gefordert werden wird, sich zu stellen. Jeder, der das gegebene Ehrenwort bricht, wird im Wiederbetretungsfalle als ein ehrloser Deserteur bestraft. Oder man entläßt die Gefangenen gegen das Versprechen nur während einer bestimmten Frist, wie z. B. während der Dauer des Krieges, oder binnen Jahresfrist, nicht wieder zu dienen. Endlich werden auch während oder zu Anfang des Krieges häufig Uebereinkünfte über die wechselseitige Auslieferung der Kriegsgefangenen geschlossen, die vornehmlich unter dem Namen der Cartelle bekannt sind und die entweder auf eine bestimmte oder eine unbestimmte Zeit, doch nie über die Dauer des Krieges hinaus sich erstrecken.

Die Art der Auswechselung selbst ist verschieden. Entweder verfährt man dabei so, daß man einen jeden Grad zu einem bestimmten Preise in Gelde, oder zu einer bestimmten Anzahl Individuen eines niedrigen Grades taxirt, und den Ueberschuß an Kriegsgefangenen, den eine von beiden Parteien von irgend einem Grade haben möchte, entweder mit Gelde, oder mit einer verhältnißmäßigen Anzahl von Individuen eines geringern Grades bezahlt, oder man wechselt nur Mann für Mann und Grad für Grad, und behält den Ueberschuß zurück; diese letztere Methode wollte z. B. Frankreich während der Revolutionskrieges bei der Auswechselung der Kriegsgefangenen mit England allein befolgt wissen. Beim Frieden pflegen gewöhnlich die Kriegsgefangenen in Masse, ohne weitere besondere Auswechselung, von beiden Seiten restituirt zu werden.

Nachrichten über die Englischen Kriegs-Gefangenen in Frankreich.

Die Total-Summe der Englischen Gefangenen in Frankreich beläuft sich gegen 12000. Directer Beystand von Seiten des Englischen Gouvernements für diese Gefangenen ist seit langer Zeit untersagt. Jedoch hat die Französische Regierung jede hülfreiche Unterstützung verstattet, welche man Privat-Beyträgen verdankt. Diese freywilligen Beyträge sind auch bisher von der wohlthätigsten Würkung gewesen. In keinem Lande kann auch durch allgemein gleichförmige Bewilligungen allen Bedürfnissen in besondern Fällen abgeholfen werden. In den meisten der Gefangenen-Depots in Frankreich, in welchen sich Engl. Militairs, oder Aerzte, oder sonstige Gentlemen von dieser Nation befinden, sind Committeen zur Vertheilung der wohlthätigen Beyträge errichtet worden, und die Geduld dieser Gentlemen, womit sie die vorkommenden Schwierigkeiten zu überwinden suchen, die Art, wie sie den Bedürfnissen der Unglücklichen abhelfen, und die Klagen der Unzufriedenen ertragen, geben ihnen Ansprüche auf die Dankbarkeit der Nation.

Größtentheils werden diese milden Beyträge zur Unterstützung der Gefangenen von England aus nach Verdun gesandt, wo verschiedene Gentlemen, die sich dort befinden, sie über das Ganze vertheilen. Gegenwärtig erhält eine Frau mit ihren Kindern, welche bey ihrem Mann oder Anverwandten lebt, und die von dem französischen Gouvernement nicht unter die Zahl der Gefangenen gerechnet wird, daher auch nicht auf die gewöhnlichen Nationen Anspruch machen kann, 4 Sols täglich. Eben so viel erhalten die Honorationen unter den Non-Combattanten, ferner die Passagiere und Schiffs-Masters und Unter-Masters von Schiffen von 80 Tonnen, welche vor der Franz. Regierung nur als gewöhnliche Seeleute bezahlt werden. Alte Leute von 55 und mehreren Jahren, so wie Verwundete, welche ein Bein verlohren haben, oder zum fernern Dienst unfähig sind, erhalten täglich 3 Sols, und 2 Sols ein jeder andere Gefangene, der dieser Unterstützung bedarf.

In den verschiedenen Depots hat man überdieß Schulen errichtet, um die jungen Leute zu beschäftigen, und die Kranken, welche noch nicht genöthigt sind, ins Hospital zu wandern, wofür die Engländer große Abneigung hegen, erhalten die nöthigen Arzneymittel. Die Berechnungen über diese verschiedenen Ausgaben werden monatlich der Committee nach Verdun eingesandt.

Nach den Listen des Monats April betrug die Summe derer, welche von dieser Committee Unterstützung erhielten 9869. Von diesen Gefangenen waren:

Zu Arras 992 . . . . . Zu Sarre Libre 856
-- Besançon 1226 Valenciennees 947
-- Brigazin 287 Briançon 800
-- Cambray 1030 Mont-Dauphin 800
-- Givet 1029 Auxonne 1250
Verdun 653

Hiezu kommen nun noch Offiziere, Privatleute und andere in den verschiedenen Depots, welche an diesen milden Gaben Theil nehmen, und in obiger Zahl nicht begriffen sind. Eben so halten sich zu Nismes, Melun, Tours, Brüssel, St. Germain, Versailles und Paris, und in andern Gegenden Frankreichs, viele wohlhabende Engländer mit Erlaubniß der Französ. Regierung auf, und sind ebenfalls in diese Berechnung nicht mit aufgenommen, so daß sich die ganze Anzahl der Gefangenen gegen 12000 belaufen mag.

Die Gefangenen in den Depots bekommen von der Französischen Regierung bezahlt in folgendem Verhältniß:

Monathlich:
Ein General 166 Francs.
-- Oberst oder Postkapitain 100 --
-- Oberst-Lieutenant und Major 75 --
-- Capitain der Armee und Lieutenant der Marine 50 --
-- Lieutenant der Armee, Chirurge, u. s. w. 37 -- 10.
-- Fähndrich der Armee, Passagiere, u. s. w. 29 -- 3.

Unter Master eines Schiffs unter 80 Tonnen, Non-Combattanten, Soldaten, Seeleute, Seesoldaten u. s. w. erhalten täglich 1 Pfund Brodt, ½ Pfund Fleisch und 1 ½ Sols am Gelde. Ferner wird zweymal monathlich Holz, einmal Salz, trocknes Gemüse, und im Sommer Weinessig unter sie vertheilt. Der Befehl des Gouvernements ist, daß sie in 18 Monaten einmal neu gekleidet werden.

Die Gefangenen von der Armee und Marine haben einigen Trost in der Aussicht, bey der Auswechselung, über welche bisher zu Morlaix durch den Englischen Bevollmächtigten, Obersten M' Kenzie unterhandelt worden, ihrer ganzen Sold zu erhalten; aber die Patrons und Seeleute von Kauffahrtheyschiffen sind wirklich sehr zu bedauern. Viele der selben, die sonst wohlhabend waren, sind nun in die dürftigste Lage versetzt.


Korrespondenz.

[1794]

Frankfurt den 30. Jänner.

Traurig ist das Schicksal der armen Gefangenen, und abscheulich die Politik des N. C., die keine Auswechselung gestatten will. Schrecklich sind die Mittel, die vom Convent gebraucht werden, und leider! zu dessen Absichten nur zu zweckmäßig. So rührt ein großer Theil der Krankheiten, die man bey den französischen Gefangnen-Transporten bemerkt, wie man nun weiß, von den Folgen verschiedener berauschenden Ingredienzen her, die man unter ihre Getränke mischt, um ihren Muth bey Angriffen anzufeuren. Dieser Folgen beugt man nachher bey den französischen Armeen, nach den Schlachten, wieder vor, allein das geschieht bey denen nicht, die gefangen werden, und dann erzeugen sich solche pestilenzialische Seuchen. Indessen behält die Nation noch immer einen überwiegenden Grund von angeborner Gutheit. Einige wenige ausgewechselte Gefangene sagen uns aus, daß man während ihrer Gefangenschaft in Landau, alle ihre Bedürfnisse, Vorzugsweise der Garnison, befriedigt habe. Und gestern noch sagte mir ein Emigrant aus Lyon, daß bey Einnahme der Stadt kein Frevel verübt, im Gegentheil manchem in der Stille die Flucht erleichtert wurde. Nur die Pariser Commissarien brüteten da, wie überall, das nachherige, schreckliche Unglück aus. Wie sehr ist die so mißgeleitete und gemißbrauchte Nation zu beklagen. Was haben Sie zur Guillotinirung des alten de la Tude gesagt, nachdem man ihn vier Jahre lang als einen Popanz der Gewaltthätigkeiten des alten Regime aufgestellt, und ihm die Bronzenhand Ludwigs XV. geschenkt hatte? der wird wohl auch unter dem Messer des Rasoir national tief gefühlt haben, wie weit menschlicher und duldender die alte Regierung war. Aber eben, weil er das nicht blos fühlte, sondern laut sagte, mußte er sterben! Künftige Woche erwartet man hier die preußische Garde. Auch werden nächstens die Clubisten von Ehrenbreitstein nach Erfurt gebracht werden. Daß die Franzosen Worms und mehrere Orte verlassen haben, und sich zurückziehen, werden Sie aus den Zeitungen wissen. Viel ist, im Grunde, dabey nicht gewonnen; denn den Raub, um welchen sie gekommen waren, haben sie in Sicherheit gebracht; in den offenen Städten konnten sie sich so nicht halten, und sie mögen, seit Möllendorfs Ankunft, dem Himmel danken, daß sie so mit heiler Haut hinausgewischt sind.

Quellen und Literatur.

  • Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände. Stuttgart bei A. F. Macklot. 1816.
  • Politisches Journal nebst Anzeige von gelehrten und andern Sachen. Herausgegeben von einer Gesellschaft von Gelehrten. Hamburg in der Hoffmannschen Buchhandlung. Jahrgang 1810.
  • Fliegende Blätter. Dem französischen Krieg und dem Revolutionswesen unsrer Zeiten gewidmet. Monat 1794.