Herzogtum Warschau

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Das Herzogthum Warschau.

Inhaltsverzeichnis

I. Land.

1. Bestandtheile. Dieses erst seit dem Frieden zu Tilsit entstandene Herzogthum, ein Nebenland des Königs von Sachsen, welches keinen Theil des rheinischen Bundes ausmacht, ist aus preußischen und östreichischen Besitzungen vom ehemaligen Königreiche Polen zusammengesetzt, nämlich aus Südpreußen mit Neuschlesien oder Severien, aus Neu-Ostpreußen mit Ausnahme des Bezirkes um Bialystock, aus dem so genannten Netzdistrict, oder dem Bromberger Departement von Westpreußen, ferner aus dem östreichischen Westgalicien, aus dem Zamoscer Kreise in Ostgalicien und einem Bezirke im Süden von Krakau.

2. Größe und Gränzen. Das ganze Herzogthum hat einen Flächenraum von ungefähr 2769 Quadratmeilen, und gränzt östlich an Rußland und Oestreich, südlich an Oestreich und Schlesien, westlich an Brandenburg, nördlich an Preußen. Natürliche Gränzen bilden der Bug, die Weichsel und die Netze.

3. Boden, Gewässer und Klima. Bei weitem der größte Theil des Landes ist eine unübersehbare Ebene, worauf fettes, oder mit Sand und Lehm vermischtes Erdreich hier und da durch Haiden, Hügel, Wälder und Moräste unterbrochen ist. Nur im Süden gegen die östreichische Gränze hin erheben sich einige Berge, die aber nicht zu den sehr hohen gezählt werden können. Fast nirgends findet man unwirthbares Land; fast in jeder Gegend ist es entweder zum Ackerbau, oder zur Viehzucht wohl geeignet. Die vornehmsten Flüsse, welche das Land durchströmmen, oder wenigstens die Gränze berühren, sind der Bug, die Narew, die Weichsel, die Netze und Warte. Seen hat Süd- und Neuostpreußen; der größte ist der Goplo See im Bromberger Bezirke. Wichtig ist der Netze- oder Bromberger Kanal, welcher die Weichsel mit der Netze und Warte, und durch sie mit allen denjenigen Flüssen in Gemeinschaft setzt, welche sich mit der Oder und Elbe vereinigen.

4. Producte. a. Aus dem Pflanzenreiche. Getreide, Flachs, Hanf, Hopfen bringt das Land in großer Quantität hervor. Auch den Tabak sieht man auf den Feldern blühen, und Holz ist besonders in Neu-Ostpreußen im Ueberfluß vorhanden. b. Aus dem Thierreiche weiset es viel und schönes Hornvieh, eine Race leichter, schnelle laufender polnischer Pferde, viele Schweine, Schaafe nur mit grober Wolle, Wildprät, auch wilde Thiere, besonders Bären auf. Der Fische giebt es in den Flüsse und Seen, und wilder Bienen in den Wäldern genug. c. Mit Mineralien ist das Herzogthum wenig versehen, da sich nicht viele Berge darin befinden. An Metallen fehlt es fast ganz; höchstens zeigen sich hier und da unbedeutende Spuren davon. Etwas Eisen enthalten die Berge im südlichen Theile, und Sumpfeisen findet man in Westgalicien, und an einigen andern Orten. Das wichtigste mineralische Product ist das Salz zu Wieliczka, welches aber der Herzog von Warschau nicht allein, sondern gemeinschaftlich mit Oestreich besitzt.

II. Bewohner.

1. Nach ihrer Anzahl, Abkunft und ihren Sitten. Die Bevölkerung, worüber noch zur Zeit ganz genaue Angaben fehlen, beläuft sich wahrscheinlich in runder Zahl auf 3'800,000 Seelen. Der größte Theil der Einwohner besteht aus Polen, und ist slavischer Abkunft; doch leben auch viele Teutsche, Griechen und Juden in dem Herzogthume. Der Nationalunterschied aller dieser Völker verräth sich deutlich durch die ihnen eigenen Sitten. Das hier herrschende Volk beurkundet seine polnische Abkunft laut genug durch seine Unwissenheit, Trägheit und Unreinlichkeit.

2. Nach ihrer Erziehung, wissenschaftlichen Bildung und Religion. Weder die Privaterziehung, noch der öffentliche Unterricht sind hier besonders gut bestellt. Wo auch gute Schul- und Bildungsanstalten getroffen sind, läßt die natürliche Indolenz der Einwohner, und ihr Mangel an Cultur beinahe keine Früchte davon aufkommen. Natürlich können sich in einem solchen Lande auch die Wissenschaften in keinem sehr blühenden Zustande befinden. Zum Unterrichte junger Leute, die sich dem gelehrten Stande zu widmen gedenken, ist zu Warschau ein Gymnasium, und zu Krakau eine Universität errichtet, welche eine Bibliothek, einen botanischen Garten und eine Sternwarte hat. Zu Warschau gewährt die Zaluskische Bibliothek dem Freunde der polnischen Geschichte durch ihre Handschriften gute Hülfsmittel. Die herrschende Religion war zwar hier immer die katholische, doch war auch die Zahl der Dissidenten, nämlich der Lutheraner, Reformirten, Griechen, Socinianer, Arianer und Juden beinahe eben so stark.

3. Nach ihrer Industrie, ihrem Wohlstande, und ihren Beiträgen. Ackerbau und Viehzucht sind hier beinahe die einzigen Erwerbsmittel. Sie verschaffen dem Einwohner nicht nur seine tägliche Nahrung, sondern auch einen Zufluß fremden Geldes, wodurch er sich seine übrigen Bedürfnisse erkaufen kann. Von der Stärke des Ackerbaues kann der Umstand einen Begriff geben, daß in den Jahren 1802 und 1803 allein in den 4 damals preußischen Departements Posen, Kalisch, Plotzk und Warschau am den gewöhnlichen 4 Getreidearten 91,562 Berliner Wispel, 8 Scheffel, 7 Metzen ausgesäet worden, und daß dort der Haber meist 4, die übrigen Getreidesorten aber 5 bis 6 Körner Ertrag geben. Der Preis des Wispels Weizen war 30 - 36, des Korns 20 - 24, der Gerste 16 - 20, und des Habers 12 - 14 Thaler. Die Aussaat der Hülsenfrüchte, deren Ertrag im Durchschnitte zu 5 Körnern berechnet ist (Hirse giebt gewöhnlich 15 Körner), betrug 5862 Wispel, 10 Scheffel, 3 Metzen, diejenige von Buchweizen 7128 Wispel, 6 Scheffel, 2 Metzen *). Mehr als die Hälfte dieser Aussaat darf man allerdings für das Brombergische Departement, für Westgallicien, welches unter allen Provinzen des Herzogthums Warschau am meisten cultivirt ist, für den Zamoscer Kreis, und für den Bezirk um Krakau annehmen. Nicht minder ausgebreitet ist die Viehzucht. In den gedachten Jahren zählte man nur in den 4 genannten Departements 871,770 Stücke Horn- und Jungvieh, ohne die Kälber, 215,714 Pferde und Fohlen, eine noch weit größere Zahl Schaafe, Lämmer, Schweine, und 81,959 Bienenstöcke **).

Die Fabrication in diesem Herzogthume schränkt sich fast allein auf Leinwand und grobes und mittlers Tuch ein. Am meisten Leinwand liefern die an Schlesien gränzenden Städte. In Schlesien wird die Leinwand erst gebleicht und appretirt. Am meisten Tuch kömmt theils aus einigen Manufacturen, theils aus den Werkstätten einzelner Meister in den ehemals preußischen Provinzen. In den 3 Departements, Posen, Warschau und Kalisch allein (das brombergische Departement, wo die Tuchfabrication am stärksten ist, nicht mitgezählt) betrug im J. 1802 der Werth aller Fabricate 2'132,463, und mit Abzug der nöthigen Materialien der Gewinn der Fabricanten für Arbeitslohn und aufgewendetes Capital 713,450 Thaler.

Das Tuch, und die Leinwand, vorzüglich aber die natürlichen Producte: Getreide, Holz, Pech, Häute, Talg, Wolle, Wachs und Honig sind die Gegenstände einer starken Ausfuhre theils auf der Weichsel nach Danzig, und von dieser Stadt nach Rußland und in andere Länder, theils auf der Warthe nach der Oder.

Fabrication, Schiffarth und Handel sind daher für diejenigen, die sich im Großen mit denselben beschäftigen, eine ergiebige Quelle reicher Renten, so wie der Besitz großer Landgüter die Quelle des Reichthums für den Adel ist. Der Bauer ist in dem ehemals östreichischen Galicien, wo die Leibeigenschaft schon lange aufgehoben war, mehr wohlhabend, als in den ehemals preußischen Besitzungen. Dort ist sie zwar seit 1807 gleichfalls aufgehoben; aber in so kurzer Zeit konnte die Aufhebung derselben die Industrie in dem an Indolenz gewöhnten Landmanne noch nicht so sehr wecken, daß einige Früchte davon schon jetzt sichtbar wären. An Einkünfte wirft das Land mehr als 2 Millionen teutscher Gulden ab.

4. Nach ihren Vertheidigungsmitteln. Die Kriegsmacht des Herzogthums soll nach der Constitution aus 30,000 Mann von allen Waffen bestehen. Da es aber seitdem einen ansehnlichen Zuwachs an Ländern erhielt, so stieg die Truppenzahl auf mehr als 45,000 Mann, wovon ein großer Theil in französischen Kriegsdiensten ist.

III. Staatsverfassung.

1. Erbfolge und Verhältnisse des Herzogs. Das Grundgesetz, wodurch die Verfassung und Verwaltung des Herzogthums ihre Bestimmung erhielten, ist die Constitution vom 21. Jul. 1807. Nach derselben ist die herzogliche Krone von Warschau erblich in der Person des Königs von Sachsen, und seiner Nachkommen nach der im sächsischen Hause geltenden Successionsfolge. Als Civilliste sind ihm 7 Millionen polnischer Gulden, zur Hälfte in Domänen, und 2 Palläste angewiesen. Der Herzog ist Gesetzgeber im Herzogthume, und hat auch die vollziehende Gewalt. Er kann seine Authorität ganz, oder zum Theile einem Vicekönig übertragen, oder er ernennt an dessen Stelle einen Präsidenten des Conseils der Minister. Doch theilt er die gesetzgebende Gewalt, so viel neue, oder Veränderung alter Gesetze, Auflagen und Münzwesen betrifft, mit der Versammlung der Stände, welche nach der Mehrheit der Stimmen darüber Beschlüsse fassen.


2. Rechte und Verhältnisse der Staatsbürger. Die hohe Geistlichkeit und der Adel genießen das Recht der Reichsstandschaft. Die adelichen Mitglieder der Reichsversammlung werden auf den Vorlandtagen, d. i. auf den Districtsversammlungen, die aus den Edelleuten des Districts bestehen, gewählt. Eben dieselbe Fähigkeit, zu Mitgliedern der Reichsversammlung gewählt zu werden, hat auch der Stand der Bürger. Diese Wahl geschieht durch die Gemeindeversammlungen. Das Stimmrecht in denselben hat 1. jeder nicht adeliche Bürger, welcher ein Eigenthum besitzt, 2. jeder Fabricant und Herr einer Werkstätte, jeder Kaufmann, der ein Gewölbe oder Magazin zu 10,000 polnischen Gulden an Werth hat, 3. jeder Pfarrer und Vicar, 4. jeder Künstler und Bürger, der sich durch Talente, Kenntnisse, oder geleistete Dienste auszeichnete, 5. jeder verabschiedete Unterofficier und Soldat, welcher Wunden erhalten, oder mehrere Feldzüge mitgemacht hat, 6. jeder Officier, von welchem Grad er seyn mag. Der Bauernstand besitzt zwar die Fähigkeit nicht, zur Nationalrepräsentation zugelassen zu werden; doch ist die Leibeigenschaft gänzlich abgeschafft.

Uebrigens kann keiner, der nicht Bürger des Herzogthums Warschau ist, darin ein geistliches, weltliches, oder gerichtliches Amt bekleiden, und alle Acten der Regierung müssen in der Nationalsprache abgefaßt seyn.

IV. Staatsverwaltung.

1. Die Centralverwaltung besorgt a. das Ministerium, oder ein Justizminister, ein Minister des Innern und der geistlichen Angelegenheiten, ein Kriegs- ein Minister der Finanzen und des Schatzes, und ein Polizeiminister nebst einem Minister Staatssecretär; b. der Staatsrath, welcher unter dem Präsidium des Königs alle von den einschlägigen Ministern vorgeschlagenen Gesetze und Administrationsreglements entwirft; c die aus 66 Adelichen und 40 Deputirten der Gemeinen bestehende Kammer der Landboten, oder der allgemeine Reichstag, welcher nur alle 2 Jahre vom König zusammenberufen wird, die Gesetzentwürfe untersucht, und über ihre Annahme Beschlüsse faßt, und d. der Senat, ein Zweig des allgemeinen Reichstages, welcher aber permanent ist, und dem die Beschlüsse der Reichsversammlung zur Genehmigung vorgelegt werden. In Hinsicht auf justizielle Gegenstände, welche nach dem Codex Napoleon verhandelt werden, besteht für das ganze Herzogthum ein Appellationsgericht, und die Stelle des Cassationshofes vertritt der Staatsrath. Die Verhandlungen sowohl in Civil- als in Criminalsachen geschehen öffentlich.

2. Provinzialverwaltung. Seitdem das Herzogthum am Umfange zugenommen hatte, ist es in 10 Departements, und diese sind in 100 Kreise getheilt; doch hat nicht jedes Departement gleich viel Kreise. Jedes Departement wird durch einen Präfecten verwaltet, und hat ein Conseil der Streitsachen, und ein Generalconseil. Ein Tribunal entscheidet in jedem Departement über

Quellen und Literatur

  • Handbuch der Statistik der europäischen Staaten, zum Gebrauche bei Vorlesungen und zur Selbstbelehrung von D. Joseph Milbiller. Landshut, 1811. Bei Philipp Krüll, Universitäts-Buchhändler.
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